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Eco Crimes – Fall 2

Wie Spaniens Plastikmüll in Malaysia landet

Als legales Geschäft getarnt gelangten 24 Container Müll nach Malaysia. Teil zwei unserer Serie Eco Crimes zeigt, wie Chinas Plastikverbot die Kriminalität befeuert.

Veröffentlicht am von Christina Brause

Interpol entdeckte illegale Abfalltransporte auf jeder fünften der weltweit untersuchten Routen

Alle dreieinhalb Tage brennt irgendwo in Spanien eine Recyclinganlage. Früher waren solche Brände Einzelfälle. Laut Behörden haben sich diese Brände in den vergangenen Jahren verdoppelt: Seit 2021 kommt es jedes Jahr zu mehr als 100 Bränden in solchen Anlagen.

Die Brände zeigen, wie sehr eine politische Entscheidung den Markt verändert hat: Seit China 2018 kein Plastik aus dem Ausland  mehr annimmt, hat sich der weltweite Handel mit Plastikabfall deutlich verändert. Vor dem Verbot exportierte Spanien jährlich rund 115.900 Tonnen Kunststoffabfälle nach China. Bis 2024 sank diese Zahl auf null. Doch der Plastikverbrauch – in Spanien wie in der gesamten EU – stieg weiter. Spaniens Recyclingkapazitäten reichten für die zusätzlichen Mengen nicht aus, das Land kämpft seit Jahren mit Hunderten illegaler Deponien. Die EU-Kommission hat Spanien wegen schlecht umgesetzter Abfallregeln mittlerweile vor den Europäischen Gerichtshof gebracht.

Die Kunst der Falschdeklaration

Illegale Deponien sind aber nur ein Teil des Problems: Was nicht im Inland illegal abgeladen wird, wird nach Südostasien verschifft. Im Frühjahr 2019 stoppten malaysische Behörden 24 Container mit Plastikmüll, die nach Angaben der Regierung aus Spanien stammten. Welche Firmen hinter solchen Lieferungen stecken, erfährt die Öffentlichkeit nur selten. Laufende Ermittlungen, geschlossene Akten. Im Fall der 24 Container kam Greenpeace zugute, dass mehrere dieser illegal exportierten Container nach Spanien zurückgeschickt wurden. Sie wertete Zolldaten der Steuerbehörde aus, aus denen hervorging, dass die Container in die Provinz Valencia gehen sollten. 

Die NGO verfolgte daraufhin die Spur der Sendung, die am 15. April 2019 in Port Klang in Malaysia eingetroffen war. Der Absender war laut Greenpeace eine kanadische Firma mit Anschrift in Valencia. Unter derselben Adresse und sogar auf derselben Parzelle wie Iber Resinas S.L., ein zugelassener Recyclingbetrieb. Nach Angaben von Greenpeace bestätigte außerdem eine Quelle in Malaysia, dass Iber Resinas S.L. im Zusammenhang mit den Containern untersucht und in einem offiziellen Dokument als Eigentümerin der Ware genannt wurde.

Schwache Kontrollen und unübersichtliche Regeln machen es leicht, mit Firmennetzen und geteilten Geschäftsadressen zu arbeiten, ohne sofort aufzufallen. Die Ladung soll außerdem nicht als Abfall deklariert worden sein, sondern als gereinigte Kunststoffpellets für die Industrie – eine Einstufung, mit der sich die strengeren Vorgaben für Abfallexporte umgehen lassen könnten. 

Zweiundfünfzig illegale Routen

In einem detaillierten Bericht hält Interpol fest, dass organisierte kriminelle Gruppen in legale Unternehmen infiltrieren, um ihre illegalen Aktivitäten zu verdecken – häufig in Kombination mit Finanzkriminalität, Betrug und gefälschten Unterlagen. Auf Basis offener Quellen und Ermittlungsinformationen aus 40 Ländern stellte Interpol auf 52 von 257 ausgewerteten Routen illegale Abfalltransporte fest. Kriminelle verschleiern dabei kontinuierlich die Herkunft des Mülls, etwa indem sie Transitländer zwischenschalten.

Nicht nur die Herkunft des Mülls wird verschleiert, sondern mitunter auch, wer ihn eigentlich erhalten soll. Wenn illegale Abfalltransporte auffliegen und sich kein verantwortlicher Empfänger findet, bleiben Container oft monatelang oder sogar jahrelang in Häfen stehen, blockieren Flächen und stören den regulären Betrieb. Im malaysischen Hafen von Penang etwa wurden allein im Mai 2019 265 Container mit Plastikmüll aufgegeben. Die daraus entstehenden diplomatischen Spannungen über haben Staaten dazu gebracht, Containerkontrollen und Sanktionen zu verschärfen. Frankreich setzte 2019 ein Zeichen und verhängte eine Rekordstrafe von 192.000 Euro gegen ein Handelsunternehmen, das illegal Plastikabfälle nach Malaysia exportiert hatte.

Hinter diesen Fällen stehen internationale Netzwerke, die mit einem Geflecht aus Briefkastenfirmen, geteilten Geschäftsadressen und falsch deklarierten Lieferungen arbeiten – und sich damit oft im Sichtfeld der Behörden bewegen, ohne aufzufallen. Solche Strukturen nachzuzeichnen heißt, Papier- und Datenspuren über mehrere Rechtsräume hinweg zu verfolgen. Im dritten Teil der Serie geht es darum, wie Unternehmen versuchen, EU-Sanktionen zu umgehen und wie man ihnen trotzdem auf die Spur kommen kann.

Dieser Text ist Teil zwei unserer Eco-Crimes-Reihe; Teil eins, „Wie man Quecksilberdeals unsichtbar macht“, zeigt, wie ein deutsches Unternehmen den Schmuggel von Quecksilber hinter undurchsichtigen Firmenstrukturen versteckte.

 

Christina Brause
Investigative Datenjournalistin und Investigator in Residence bei North Data. OSINT, Recherche, Daten. Internationale Sicherheit. DefenceTech. Mode-Failble. Ja, das geht.